Stine hat einen Zweitjob!

Sie verkauft jetzt nämlich auch Software. Seit neuestem gibt es im Stine-System einen Punkt, unter dem ‚ganz einfach‘ die Software Microsoft-Office gekauft werden kann. Wir sind ja mittlerweile einiges gewohnt und können uns so ziemlich alles vorstellen, aber das hat mich schon überrascht.

Dieser Screenshot zeigt es, Stine ist unter die Software-Händler gegangen:
stine verkauft msoffice
Die Datenlotsen, die Firma also, die Stine in einer Entwicklungspartnerschaft mit der Uni entwickelt hat, „kooperiert“ mit Microsoft und so kommen wir zu diesem phantastischen Angebot: Microsoft Office für schlappe 69,- Euro. Ob es einen Zusammenhang mit der Tatsache gibt, dass für Stine Microsoft Server Technologie genutzt wird, ist nicht bekannt.
Nun ist es nicht überraschend, dass eine Firma wie die Datenlotsen daran interssiert ist, ihren Gewinn zu maximieren, dass die Universität da aber mitspielt ist ziemlich skandalös. Wir nehmen diesen neuesten Fall als Anlass, die gesamte Stine-Einführung noch einmal etwas näher unter die Lupe zu nehmen: Wieso wurde der Auftrag zur Entwicklung einer „Campus-Managment-Software“ an die Datenlotsen vergeben und zu welchen Konditionen? Welchen Zugriff hat die Firma Datenlotsen auf die Daten der Studierenden der Universität Hamburg?
Es lohnt sich also dranzubleiben.

WIR DOKUMENTIEREN EINEN BRIEF AN DIE PRÄSIDENTIN:
(An die Mitglieder des Akademischen Senats zur Kenntnisnahme)

Sehr geehrte Frau Auweter-Kurtz, eher zufällig habe ich bei einem Blick in meinen Stine-Account festgestellt, dass dort neuerdings auch der Menüpunkt „Microsoft-Office kaufen“ auftaucht. Ich nehme dies zum Anlass, Ihnen mitzuteilen, wie sehr ich beginne, an der wissenschaftlichen Unabhängigkeit der Universität Hamburg zu zweifeln.

Vor einigen Tagen entdeckte ich rein zufällig ein kleines, schon etwas verbogenes und angerostetes Schild, welches sich an einem Laternenpfahl am nord-östlichen Ende des Campus, kurz vor dem Gebäude AP1 befindet.
Auf diesem steht, dass Werbung auf dem Campus verboten ist, gez. der Rektor. Wohl ein Relikt aus vergangener Zeit, in der die Unabhängigkeit von Lehre und Forschung noch ein Wert war, den man zumindest an den Universitäten zu verteidigen suchte.
Der Alltag auf unserem Campus sieht anders aus: Die Haspa wirbt wo man geht und steht – vermutlich kein Wunder, ist sie ja auch in dem
Hochschulrat vertreten, der Sie auf Ihren Posten gebracht hat. Im Foyer des Philturms auf dem Weg in die Mensa wird man allenthalben von Werbeträgern jeglicher Couleur belästigt – ob allmaxx, Bücherclubs oder Möbelläden, egal ob Base, O2 oder Vodafone. Kaum ein Gebäude dieser Uni, dass noch nicht mit Werbetafeln „geschmückt“ wurde. (Mit Ausnahme des Gangs, in dem sich Ihr Büro befindet…) Die Qualität der angepriesenen
Ware und die ethische Verantwortung der anpreisenden Unternehmen scheint nicht von Relevanz, die Uni nimmt jedes Geld. Vor dem Department für Sozialwissenschaften – einstmals Hort höherer Ansprüche an kritisches Bewusstsein und selbständiges Denken – ein kostenloses Exemplar des Intelligenz-Blatts „Bild“ aufgedrängt zu bekommen erscheint mir als wahres Sinnbild für den Abstieg dieser ebenso wie vieler anderer deutschen Universitäten.
Doch zurück zum Anlass meines heutigen Schreibens: Die Werbung für das Office-Paket von Microsoft in Stine empfinde ich als neue Qualität. Bedeutet Werbung auf dem Campus erst mal nur, dass leider auch die Universität dort angekommen ist, wo es der größte Teil des öffentlichen Raumes schon lange ist – in einer Welt, die von Marken und Werbung bestimmt wird, in der der Konzern, der es sich am besten leisten kann, darüber bestimmt, welchen Reizen tagtäglichen tausende Passanten ausgesetzt sind. Microsoft-Office-Werbung in Stine ist etwas anderes:
Dies ist die direkte Empfehlung an alle gestressten und von tagtäglich anstehenden Kaufentscheidungen genervten Studenten, es doch einfach mit Microsoft zu versuchen – und schon hat man sein Studium im Griff.
Stine-garantiert! Dass das Office-Paket von Microsoft nicht die fachlich beste Entscheidung ist, die Studenten treffen können, wird verschwiegen. Ich selber bspw. arbeite seit einiger Zeit mit dem Programmpaket von OpenOffice.org, eine Open-Source-Software, die alle Vorteile der Microsoft-Programme bietet und darüber hinaus noch einiges mehr. Während Microsoft ein Monopol auf sein Dateiformat hält, sind die OOo-Programme in der Lage, verschiedenste Formate zu lesen und zu erzeugen. Ein echter Entwicklungsschritt hin zu einem freieren Software-Markt, der Absatzmöglichkeiten auch für innovative, kleine Unternehmen bietet. Das .odt-Format wurde übrigens von der EU als zukunftsweisendes Dateiformat ausgezeichnet. Das ganze Programmpaket kann sich jeder Student kostenlos im Internet herunterladen und spart sich damit die 70,-€, für die Stine es anpreist – immerhin fast eine Monatsrate auf dem Weg zu den Studiengebühren.

Ich halte es für unglaublich, dass sich die Universität an dieser Stelle so sehr von ihrem Prinzip der Unabhängigkeit entfernt und ein Monopol-Unternehmen wie Microsoft auf so subtile Weise unterstützt.
Sollten Sie einmal eine VWL-Einführungsvorlesung besucht haben, dürfte Ihnen bekannt sein, dass Monopole Gift für Innovation und Fortschritt sind. Und in diesen Disziplinen würden Sie und wir alle unsere Universität doch so gerne glänzen sehen.

Deswegen fordere ich Sie hiermit auf, die Werbung in Stine umgehend entfernen zu lassen.

Mit freundlichen Grüßen

J. L.
(Studentin an der Universität Hamburg)

P.S. Sollten Sie bis hierher gelesen haben und sich nun fragen, wo Studenten eigentlich die Zeit hernehmen, sich um solche Dinge Gedanken zu machen: Wir nehmen Sie uns einfach, auch am Freitagabend, denn wenn wir es nicht tun, tut es an dieser Universität wohl bald niemand mehr. Aber ich würde mich natürlich freuen, eines besseren belehrt zu werden.